Was ist Klimaerhitzung?

Der Begriff „Klimaerhitzung“ bezeichnet den Anstieg des Mittelwerts der oberflächennahen Temperatur der Erdatmosphäre über einen längeren Zeitraum, allerdings ohne als offizieller wissenschaftlicher Begriff etabliert zu sein. In der Fachliteratur werden stattdessen häufig Begriffe wie „globale Erwärmung“ oder Klimaänderung verwendet. Auch in den Medien und populärwissenschaftlichen Texten wird der Begriff „Klimaerhitzung“ erst seit etwa 2017 genutzt. So z. B. auch von der Heinrich-Böll-Stiftung e. V., also der mit Satzung vom 26. Juli 1988 (laut Registergerichtauszug) von der Partei „Die Grünen“ gegründeten Stiftung, um in den Genuss der Parteienfinanzierung mit Bundesgeldern zu kommen, nachdem diese Partei mit einer Verfassungsklage gegen exakt diese indirekte Parteifinanzierung gescheitert war (Bundesverfassungsgericht, Urteil vom 14. Juli 1986, Az. 2 BvE 5/83). Offiziell vorrangiges Ziel dieser Stiftung ist laut ihrer aktuellen Satzung, „die politische Bildungsarbeit im In- und Ausland zur Förderung der demokratischen Willensbildung, des gesellschaftspolitischen Engagements und der Völkerverständigung. Darüber hinaus fördert die Stiftung Kunst und Kultur, den Natur-, Umwelt-, und Klimaschutz, sowie Wissenschaft und Forschung und die Entwicklungszusammenarbeit.“ Der überwiegende Teil des Budgets dieser Stiftung stammt nicht nur aus Bundesmitteln, sondern auch aus projektbezogenen Fördermittel der EU. Im Artikel Kommunizieren für die Verkehrswende vom 20. Dezember 2018 führt diese Stiftung trotzdem aus:

„Die heutige Kommunikationswelt ist komplex – um Informationen aufnehmen zu können, müssen Menschen Ankerpunkte geboten bekommen, die eine Einordnung ermöglichen. Die Lernpsychologie zeigt klar, dass sich dazu Geschichten, Storys, als Werkzeuge eignen. Mit deren Hilfe lernen wir schneller und dauerhafter als auf deduktive Weise. Gute Geschichten verinnerlichen wir leichter als abstrakte Informationen. Sie sind menschlich, nachvollziehbar, nah an der eigenen Lebenswelt, man kann sich besser damit identifizieren.

Von ebenso zentraler Bedeutung ist es, die eigenen Botschaften in einen Rahmen, einen Frame, einzubinden. Wir Menschen haben das Verlangen danach, Informationen, Sachverhalte, Ereignisse in einen größeren Zusammenhang einzuordnen. ‚Frames führen also dazu, dass sich einzelne Worte über das aufgerufene singuläre Konzept hinaus auf unsere Wahrnehmung der Welt auswirken!‘, schreibt die Linguistin und Autorin Elisabeth Wehling in ihrem Standardwerk zum politischen Framing. Spricht man etwa von der Klimaerwärmung, dann assoziieren wir allzu schnell wohlige Temperaturen am Kamin. Das Wort ‚Klimaerhitzung‘ hingegen ordnet den Begriff in eine Umgebung ein, die so gar nicht angenehm erscheint, sondern Stress produziert.“

Es ging demnach also ausdrücklich nicht darum, einen Begriff zu finden, der die physikalischen Vorgänge genauer oder verständlicher beschreibt. Gesucht wurde stattdessen ein Begriff, der unabhängig von den Tatsachen beim Empfänger möglichst sicher möglichst negative Gefühle auslöst. Oder anders ausgrdrückt: Wenn die Argumente ausgehen, dann muss die Meinung eben mit Psychotricks manipuliert werden, um das eigene Ziel zu erreichen. Auch so kann man offenbar Förderung der demokratischen Willensbildung sowie der Wissenschaft und Forschung auslegen.

Beim hier ohne nähere Begründung als „Standardwerk zum politischen Framing“ bezeichneten Werk von Elisabeth Wehling handelt es sich offenbar um das am 17. Februar 2016 erschienene populärwissenschaftliche Buch „Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht“. Darin widmet sie dem Begriff „Klimaerhitzung“ das gesamte Unterkapitel 12.3, das sich allerdings nur über gut eine Seite erstreckt (auf den Seiten 184 und 185).

Zunächst verweist sie darauf, dass in der Diskussion über den globalen Temperaturanstieg „das Wort ‚globale Erwärmung‘ und seine Verwandten ‚Klimaerwärmung‘ und ‚Erderwärmung‘ Spitzenplätze einnehmen. Für eine promovierte Sprachwissenschaftlerin ist es durchaus peinlich, den Begriff „globale Erwärmung“ als Wort zu klassifizieren. Am Ende der kurzen Argumentationskette führt sie schließlich aus:

„Die sprachliche und gedankliche Verbindung von Wärme und positiven Gefühlen basiert auf der Metapher Zuneigung ist Wärme. Diese Metapher finden wir in unserer Sprache wieder, wenn wir etwa von warmherzigen Menschen, abgekühlten Freundschaften und eisigen Blicken sprechen.

Das Konzept der ‚globale Erwärmung‘ ist also durch und durch ungeeignet, den zu erwartenden Temperaturanstieg und die daraus entstehenden Gefahren und Handlungsnotwendigkeiten darzustellen. Im Gegenteil – der Begriff ‚globale Erwärmung‘ kommt einer kognitiven Glückspille gleich.

Die Sache sähe schon ganz anders aus, würden wir von einer ‚globalen Erhitzung, ‚Klimaerhitzung oder ‚Erderhitzung sprechen.“

Die Heinrich-Böll-Stiftung e. V.unterstellt Frau Wehling also Aussagen, die sie (zumindest in der angegebenen Quelle) in dieser Form nicht gemacht hat. Weder hat sie etwas von einem Kamin geschrieben, noch behauptet, dass der Begriff „Erhitzung“ Stress verursacht.

Bereits im Buch „Auf leisen Sohlen ins Gehirn: Politische Sprache und ihre heimliche Macht“, das Frau Wehling 2008 zusammen mit ihrem späteren Doktorvater George Lakoff verfasste, findet sich in Kapitel 1.3 folgender Absatz:

„Wir haben also eine Metapher für eine ziemlich abstrakte Idee, die Idee der Zuneigung. Diese Metapher lautet Zuneigung ist Wärme. Weshalb? Nun, wenn wir als Kind von unseren Eltern im Arm gehalten werden, dann spüren wir Wärme. Und wir spüren Zuneigung. Wir erleben also – immer und immer wieder – physische Wärme und emotionale Zuneigung gleichzeitig. Die emotionalen Regionen in unserem Gehirn sind aktiv, und die Regionen zur Erfassung von Temperatur sind aktiv. Sie liegen an verschiedenen Orten im Gehirn. Wir ‚lernen‘ Verbindungen zwischen beiden. Es ist keine rationale Entscheidung. Wir merken noch nicht einmal, dass es passiert. Es passiert einfach.“

Würde man das Ernst nehmen, müssten Kinder beispielsweise Zuneigung zu Heizkörpern entwickeln, ohne es zu merken. Das eigentlich interessante an der Weiterentwicklung dieser These durch Frau Wehling sowie anschließend von der Heinrich-Böll-Stiftung e. V. ist allerdings, dass der Begriff „climate heating“ (also „Klimaerhitzung“) z. B. in den USA mindestens seit 1988 belegt ist. Folglich müsste dort im Jahr 2018 die Panik vor einem sich ändernden Klima wesentlich ausgeprägter gewesen sein als in Deutschland. Hierüber verlieren sowohl Frau Wehling als auch die Heinrich-Böll-Stiftung e. V. aber leider kein Wort.

Mit ihrer stark vereinfachten Erzählung über die Wirkung von Framing trifft Frau Wehling aber nicht nur bei der Heinrich-Böll-Stiftung e. V. auf offene Ohren. So hat z. B. das Umweltbundesamt, eine selbständige Bundesoberbehörde, deren Aufgabe laut Gesetz über die Errichtung eines Umweltbundesamtes § 2 Absatz 1 Nummer 1 insbesondere darin besteht, das Bundesumweltministerium wissenschaftlich zu unterstützen, den von ihm in Auftrag gegebenen und als „Forschungsprojekt im Rahmen des Klimaforschungsplan“ geförderten Zwischenbericht „Effiziente Ansätze in der Klimakommunikation“ im Jahr 2024 herausgegeben. Darin wird nicht nur durchgehend der Begriff „Klimaerhitzung“ verwendet, sondern (auf Seite 92) auch der Einsatz solcher gezielten Manipulationen der Bevölkerung begründet – man beachte dabei insbesondere die bewusste Vermengung der oft gegenläufigen Themen Umweltschutz und Klimaschutz:

„Letztlich ist großen Mehrheiten der Menschen längst bekannt, dass die Klimakrise entschiedenes Handeln erfordert. Das zeigt sich zum Beispiel in der Umweltbewusstseinstudie 2022 (Grothmann et al., 2023) an vielen Antworten: 73 Prozent stimmten zu, dass sich zum Bremsen des Klimawandels der Lebenswandel grundlegend ändern müsse, 90 Prozent hielten Umwelt- und Klimaschutz für sehr oder eher wichtig und jeweils 84 Prozent sprechen sich für einen Umstieg auf erneuerbare Energieformen und eine Begrenzen der Erderhitzung auf deutlich unter 2 Grad aus, 61 Prozent unterstützten die Anliegen der Klimabewegung. Außer bei Umweltverbänden und Wissenschaft erkennt nirgends eine Mehrheit der Befragten, dass die jeweilige Gruppe genug für Umwelt- und Klimaschutz tue (zu Veränderungen gegenüber der 2020er-Ausgabe der Umfrage siehe Kapitel 1). Das Wissen, dass Veränderungen nötig sind, ist also ausreichend vorhanden. Es lässt sich in den Worten des Klimaforschers Michael Mann mit zwei Sätzen zusammenfassen: ‚Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre fängt die Wärme ein und wir fügen der Atmosphäre stetig mehr CO₂ hinzu. Der Rest sind Details.‘ (Mann und Toles, 2018, S. 17)¹⁾

Das heißt keinesfalls, dass faktische, gut verständliche Informationen aus der Klimaforschung unwichtig seien. Sie bereitzuhalten, ist essenziell, aber sekundär: Sie dienen dazu, Fragen zu beantworten, das Bild abzurunden, aufkommende Zweifel zu bekämpfen, nachdem sich Menschen im Prinzip entschieden haben, sich im Klimaschutz zu engagieren, politische Initiativen mitzutragen oder sogar darauf zu drängen. Primär ist es aber, diese Einstellungen und Überzeugungen zu fördern. Die Faustregel lautet also: Nicht das Wissen weckt das Empfinden, dass die Menschen die Klimakrise bewältigen müssen, sondern das Bewusstsein der Klimakrise weckt das Interesse am Wissen.“

Neu ist diese Idee allerdings nicht. Bereits im Jahr 1902 schrieb Wladimir Iljitsch Lenin in seinem Werk Was tun?:

„Bisher waren wir (zusammen mit Plechanow sowie mit allen Führern der internationalen Arbeiterbewegung) der Meinung, daß der Propagandist zum Beispiel bei der Behandlung der Frage der Arbeitslosigkeit die kapitalistische Natur der Krisen erklären, die Ursache ihrer Unvermeidlichkeit in der modernen Gesellschaft aufzeigen, die Notwendigkeit der Umwandlung dieser Gesellschaft in eine sozialistische darlegen muß usw. Mit einem Wort, er muß ‚viele Ideen‘ vermitteln, so viele, daß sich nur (verhältnismäßig) wenige Personen alle diese Ideen in ihrer Gesamtheit sofort zu eigen machen werden. Der Agitator hingegen, der über die gleiche Frage spricht, wird das allen seinen Hörern bekannteste und krasseste Beispiel herausgreifen – z. B. den Hungertod einer arbeitslosen Familie, die Zunahme der Bettelei usw. – und wird alle seine Bemühungen darauf richten, auf Grund dieser allen bekannten Tatsache der ‚Masse‘ eine Idee zu vermitteln: die Idee von der Sinnlosigkeit des Widerspruchs zwischen der Zunahme des Reichtums und der Zunahme des Elends, er wird bemüht sein, in der Masse Unzufriedenheit und Empörung über diese schreiende Ungerechtigkeit zu wecken, während er die restlose Erklärung des Ursprungs dieses Widerspruchs dem Propagandisten überlassen wird.“


¹⁾   Bei diesem Werk handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit. In „Quellen und Literatur-Angaben“ wird stattdessen angegeben, dass die deutsche Übersetzung des 2016 veröffentlichten Buches The Madhouse Effect: How Climate Change Denial Is Threatening Our Planet, Destroying Our Politics, and Driving Us Crazy gemeint ist, welche 2018 unter dem Titel „Der Tollhauseffekt: Wie die Leugnung des Klimawandels unseren Planeten bedroht, unsere Politik zerstört und uns in den Wahnsinn treibt“ beim Verlag Solare Zukunft erschienen ist. Das englische Original wurde von Michael Evan Mann verfasst, der vor allem durch seine 1999 in der Arbeit Northern hemisphere temperatures during the past millennium: Inferences, uncertainties, and limitations veröffentlichten Hockeystick-Grafik berühmt wurde, mit der er u. a. den Temperaturverlauf während der mittelaterlichen Warmzeit und der Kleinen Eiszeit leugnete, die aber wegen ihrer Prominenz bis heute von der Klimawissenschaft bis auf’s Blut verteidigt wird. Thomas Gregory Toles, der die Illustrationen für das Buch erstellte, erhielt 1990 den „The Pulitzer Prize“ im Bereich „Editorial Cartooning“ und gehörte 1985 und 1996 zu den Finalisten. Im Vorwort der deutschen Übersetzung kann man lesen: „Nicht jeder will, dass die Fakten bekannt sind. Wir sind geradewegs in das hineingerannt, wovor Upton Sinclair uns bekanntlich gewarnt hat: ‚Es ist schwierig, einen Menschen dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht.‘ Und es gibt viele mächtige Interessen, deren Einkünfte sehr stark davon abhängen, dass die Öffentlichkeit die Klimawissenschaften nicht versteht.“

Dies ist ein privat genutzter Internetauftritt, der sich ausschließlich an Verwandte und Freunde richtet.

Dieser Internetauftritt nutzt keine Cookies, keine Analysetools, keine Tracker, keine Werbung, keine Plug-Ins von Social Media, keine Kontaktformulare und keine von fremden Domains eingebundene Daten (Bilder, Videos, Schriften, Programme, Werbeanzeigen etc. pp.).